Unecht oder nicht?

Immer wieder gibt es Schüler, die im Werkunterricht Dinge herstellen wollen, zu deren Fertigung viel mehr Fachkenntnisse gehören, als schon vorhanden sind. Oder aber, die Vorhaben sprengen bei weitem die technischen und finanziellen Möglichkeiten des Werkunterrichtes. Es gibt auch immer wieder Schüler, die möchten gefährliche oder verbotene Gegenstände herstellen, wie zum Beispiel Waffen, Feuerwerkskörper oder andere spannende Dinge, die dann aus grundsätzlichen Überlegungen im Unterricht nicht realisierbar sind. Schon ein Baseballschläger oder ein schwerer Fingerring können in diese heikle Kategorie fallen. Mit Rücksicht auf unsere Situation müssen die Grenzen hier besonders umsichtig gezogen werden. Wer dann immer noch nicht locker lässt und unbedingt einen solchen Gegenstand, trotz allen widrigen Argumenten herstellen oder besitzen möchte, für den gibt es eine bestechende Lösung. - Die Attrappe.
Natürlich ist es in jeder Hinsicht ein Betrug. Schüler, die sich auf diese Alternative einlassen, wissen meist nicht, was sie erwartet. Sehr leicht wird unterschätzt, was es braucht einen

X-beliebigen Gegenstand so nachzubilden, dass er im Gesamtausdruck seinem Vorbild getreu wird und mit ihm verwechselt werden kann. Die handwerklichen und gestalterischen Prozesse, die dabei ablaufen, sind jedoch sehr vielseitig, wertvoll und absolut echt.

Zuerst brauchen wir die Grundmasse des Objektes: Höhe, Breite und Tiefe. Stehen nur Bilder des Originales zur Verfügung, fehlen natürlich meist auch Ansichten und Massstäbe und schon beginnt das Abenteuer. Es muss fantasiert und ergänzt und interpretiert werden. Das Vorstellungsvermögen ist gefordert. Wir versuchen klare Ansichten aufzuzeichnen und die Proportionen möglichst genau zu ermitteln. Es gilt zu entscheiden, welchen Kriterien die Nachbildung standhalten muss. Meist reicht es aus, die Täuschung für eine rein visuelle Prüfung aus einer Distanz von zwei bis drei Meter auszulegen. Es reicht völlig, wenn der Person, die mit dem Gegenstand konfrontiert wird, nur kurz der Atem stillsteht oder sie in Bewunderung einen kleinen Augenblick erstarrt. Es ist wichtig auszuloten, welche Details und Masse für den „ersten Eindruck“ wichtig sind und was getrost abstrahiert werden kann.
Dann kommt die Wahl der Materialien. Auf welche Weise stellen wir die Formen her. Welche mechanischen Eigenschaften müssen erfüllt werden, welche Oberflächenqualität ist notwendig. Das Material muss auch kostengünstig sein, um unbeschwert experimentieren zu können. Natürlich muss es auch gut bemalbar sein, denn jede Attrappe steht und fällt mit der Farbgebung.
Im Gegensatz zum Original ist ja die Farbe bei der Nachbildung die äusserste Schicht. Beim Vorbild ist es oft die Eigenfarbe des Materials. Dieses Material muss dann farblich ganz genau beobachtet und analysiert werden, damit es mit Pinsel und Farbe nachempfunden werden kann. Sogar transparente Materialien können so simuliert werden. Es gibt da kaum Grenzen. Die Herstellung des Objektes enthält so gleich auch noch Ansprüche eines vollwertigen Gemäldes.
Wenn der Betrug gut gemacht ist, kann der billige Abklatsch sogar noch mehr Bewunderung auslösen als ein „echtes“ Stück. Ist es doch definitiv einfacher, etwas anzuschaffen, als es in jedem Aspekt der Erscheinung zu begreifen und in einem anderen Material nachzumachen. Wenn erst beim zweiten Blick festgestellt werden kann, dass die Wahrnehmung überlistet worden ist, ergibt dies ein Zeugnis für eine reife handwerkliche und gestalterische Leistung. Wer kann da noch von „unecht“ sprechen?

Attrappen besitzen nur die Funktion, möglichst so auszusehen wie ihr Vorbild. Für alles andere sind sie untauglich. So kann ich jeden ermutigen sich auf dieses Wagnis einzulassen und sich mit seinem Wunschtraum auseinanderzusetzen, auch wenn die Vorbilder der Nachahmungen manchmal nicht ganz so harmlos sind.



















